• Der Immobilienbau als Kreislauf

Der Immobilienbau als Kreislauf

25.03.2021 ALEXANDER HECK MSc Economics Ökonom Volkswirtschaft und Immobilienmarkt beim HEV Schweiz

Kreislaufwirtschaft – Wie kann die Immobilienbranche ihren Teil zur Lösung des Problems der «Ressourcenknappheit» beisteuern? Ein Umbruch unseres wirtschaftlichen Denkens kann der Immobilienwelt nicht nur Nachhaltigkeit, sondern auch Langlebigkeit bescheren.

Der Klimawandel zwingt uns, unseren täglichen Konsum zu überdenken. In allen Domänen unserer Wirtschaft wird geforscht, wie wir den kommenden Generationen eine gesunde und nachhaltige Welt überlassen können. Auch in der Immobilienwelt ist dieser Trend angekommen. Das Schlagwort «Kreislaufwirtschaft» taucht in der Baubranche vermehrt auf. 

Rohstoff-Kreisläufe schliessen

Primär geht es in der Kreislaufwirtschaft darum, sich vom linearen Modell der Herstellung und Entsorgung der Güter zu distanzieren, indem das traditionelle «Ressource gewinnen – verarbeiten – gebrauchen – entsorgen» zu einem zirkularen «Ressource gewinnen – verarbeiten – gebrauchen – wiederverwerten » wird. Wobei in einer Kreislaufwirtschaft die Rohstoffwiederverwertung als Rohstoffgewinnung verstanden werden kann. So wird vermehrt auf die Langlebigkeit eines Rohstoffes gesetzt. Der Abbau von Primärrohstoffen soll damit konsequent reduziert werden.

Baustoffe erhalten eine Identität

Die Schweiz bündelt jährlich ca. 10 Millionen m3 an Abbruchmaterial. Dies entspricht 84 Prozent der im Land produzierten Abfallmenge. Dabei werden jedes Jahr 70 bis 80 Millionen Tonnen Baustoffe verbaut, von denen nur rund 10 Prozent mit aufbereiteten Recyclingbaustoffen abgedeckt werden. Hier besteht also noch Luft nach oben. 

Der private Sektor hat dieses Potenzial bereits erkannt. Mehrere Bauunternehmen haben sich dem Online-Register für Baumaterialien Madaster angeschlossen. Das Ziel von Madaster ist es, Bauabfälle zu reduzieren, indem ein Inventar der Baumaterialien erstellt wird. Somit können Stein, Glas, Holz, Kunststoff, Metall oder auch biologische Baustoffe in den verschiedenen Gebäudeschichten kartografiert werden. Dem Rohstoff wird somit eine Identität verliehen. Wenn ein Haus gewartet werden muss, oder wenn eine Renovierung geplant wird, sind alle notwendigen Daten jederzeit für den Datenaustausch zwischen Hauseigentümern und Dienstleistern wie Bauträgern, Lieferanten und Handwerkern verfügbar.

Auf diese Weise kann Zeit und Geld gespart werden. Man kann davon ausgehen, dass bei einer Liegenschaft zwischen 15 und 20 Prozent der Baukosten für Materialien aufgewendet werden. Bisher wurde dieses Material bei einem Abbruch in der Regel entsorg. Dies hat Kosten verursacht, die beim Bau meistens nicht budgetiert wurden. Ausserdem werden zum Teil noch funktionstüchtige Materialien entsorgt. Durch eine Identität verschwinden diese Materialien nicht mehr anonym auf der Deponie. Heutzutage kann Beton verkleinert und als Zuschlagstoff verwendet werden, Gips kann neu gebrannt und Altholz zu neuen Möbeln verarbeitet werden. Die Online-Plattform ermöglicht eine Vorstellung davon, wie Baustoffe eingebaut wurden, sodass ein Rückbau effizient und sinnvoll gemacht werden kann. Dies ermöglicht es, bei der Demontage zu erkennen, ob eine Wiederverwendung, ein Upcycling oder eine Wartung erfolgen kann. Unternehmen wie beispielsweise die Syphon AG aus Brügg bauen bei Sanierungen, Umbauten oder Abbruchliegenschaften ganze Küchen, Badezimmer, Parkettböden, Türen usw. sorgfältig aus. Funktionstüchtige Bauteile werden schliesslich für den Wiederverkauf aufbereitet statt entsorgt. Auf sogenannten Bauteilbörsen wie Overall können solche Teile schon heute erworben werden.

Jeder kann mitwirken

Bauherren können ihre ökologischen Ambitionen zusammen mit ihrem Architekten, Bauplaner und Bauunternehmen konkret umsetzen. Sie können bei der Beauftragung von Dienstleistern fordern, dass möglichst viele regenerative Materialien verwendet werden sollen. Der Nachweis über eine ressourcenschonende Materialisierung kann in der Finanzierungsphase bei Banken und Versicherungen zu vorteilhafteren Konditionen führen. Die Wiederverwertung von Baumaterialien lohnt sich entsprechend nicht nur für die Umwelt, sondern auch für das eigene Portemonnaie.